Bernd Glemser im Gespräch
„Musik existiert nicht
auf dem Papier, sie
existiert nur in dem
Moment, wo sie
gespielt wird“

… und Bernd Glemser
Für viele ist er immer noch ein Geheimtipp, doch
der Pianist Bernd Glemser gehört zweifelsohne bereits jetzt zu den
interessantesten Interpreten der Gegenwart. Bernd Glemser hat sich ausführlich
über seine Abneigungen gegenüber dem Starsystem, seine Einstellungen
zur Interpretation und über die allgemeine Situation der Klassikbranche
mit unserem Mitarbeiter Alain Steffen unterhalten.
k: Herr Glemser, Sie spielen nun seit über
20 Jahren Klavier und gelten unter Kennern als einer der besten Pianisten
unserer Zeit. Da Sie seit jeher das ganze „Who is Who“-Karussell
der Stars vermeiden, sind Sie dem breiten Publikum wiederum nicht so bekannt.
B.G.: Das hat
wohl mehrere Gründe. Auf der einen Seite bin ich ganz sicher nicht
so ehrgeizig und
auf der anderen Seite will ich wirklich nur gute Musik machen. Ich will
mich ganz bewusst keinen Modeerscheinungen unterwerfen und habe auch nie
eine große Werbekampagne gestartet. Allerdings stört es mich
trotzdem immer ein bisschen, als so genannter Geheimtipp angesehen zu
werden. Aber das ist wohl der Preis, wenn man nicht nach den Gesetzen
des Mainstreams arbeitet. Selbstverständlich will ich, wie jeder
andere Musiker auch, vor vollen Sälen und in den bedeutenden Musikzentren
spielen … Was ich ja Gott sei Dank auch mache.
k: Haben Sie den Eindruck, dass das Publikum
im Allgemeinen viel zu sehr von der Politik der Major-Firmen beeinflusst
oder gar irregeführt wird?
B.G.: Ganz sicher,
aber das gilt nicht nur für die Musik. Es ist ein gesellschaftliches
Problem, und wir werden alle durch geschickte Werbung so manipuliert und
programmiert, dass wir nach und nach das Denken ganz ausschalten. Und
was die Musik betrifft, die ist ja allgegenwärtig.
Man kann ja nirgendwo mehr hingehen, ohne nicht von Musik berieselt zu
werden, ob auf der Strasse, in den Geschäften oder im Restaurant.
Und das hat nur einen Zweck, nämlich die Menschen zum Konsum zu verleiten.
Es ist der Kommerz, der alles bestimmt. Auch in unserer Branche, leider.
Der Werbemechanismus ist genau der gleiche. Die Propaganda arbeitet ja
mit der Methode, Dinge als allgemein gültig dahinzustellen, obwohl
das nicht unbedingt so ist. Wenn man über längere Zeit von so
genannten kompetenten Quellen gesagt bekommt, dieser Musiker sei der beste
der Welt, dann glaubt man das auch irgendwann. Auch wenn es nicht so ist.
Das Ziel ist, den Konsumenten mundtot zu machen und ihm dann eine andere
Meinung aufzuzwängen. Und ein Großteil der Menschen ist ja
von sich überzeugt, nicht kompetent zu sein. Ich bin da der gleichen
Meinung wie Celibidache, der einmal gesagt hat: „Um Musik zu verstehen,
braucht man keine wirkliche Bildung.“ Und in sofern bin ich davon
überzeugt, dass das Publikum sehr wohl ein gutes Feeling und Verständnis
dafür hat, was in einem Konzert passiert. Gerade dieses natürliche
Empfinden aber will die Propaganda wegwischen und stattdessen mittels
Werbung vorgeben, was wirklich gut ist.
k.: Ähnliches hat man ja auch mit Anatol
Ugorski versucht. Als er in den Westen kam, hat ihn seine Plattenfirma
zuerst als verkanntes Genie verkauft, das in seiner Heimat in der Misere
lebte und dessen Talent erst jetzt, nämlich durch diese Firma, wirklich
erkannt worden ist. Aber leider schien Ugorski den angestrebten Mainstream-Weg
aus künstlerischen Gründen nicht zu wollen, und die Plattenfirma
machte dann nur noch vereinzelte Aufnahmen mit ihm.
B.G.: Es ist
so, dass die großen Plattenfirmen sich keine Flops mehr leisten
können. Erweist sich die Marktstrategie wie bei Ugorski als falsch
und verkaufen sich die Platten nicht so wie gewünscht, wird der Künstler
sehr schnell fallen gelassen Aber man geht da noch weiter. Zuerst werden
junge, talentierte Künstler vermarktet, aber nur solange, wie sie
billig sind, die Absätze gut sind und die Platten sich verkaufen.
Wenn der Künstler aber dann durch seinen Erfolg teurer wird, wird
er wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen, und der nächste
Star wird aufgebaut. Letztendlich geht es nur ums Geld, auch wenn viele
Liebhaber klassischer Musik das nicht wahrhaben wollen. Es ist so. Und
dafür bin ich mir irgendwie zu schade.
k.: Sie arbeiten seit über 10 Jahren mit
der Firma Naxos zusammen, die ja Klassik am laufenden Band produziert.
Sind dort die Entfaltungsmöglichkeiten für Sie denn größer?
B.G.: Naxos
ist momentan das einzig gesunde Label, das fast ausschließlich Klassik
produziert und demnach eine gute Politik macht. Ich bin sehr zufrieden
mit dem Vertrieb und den Arbeitsmöglichkeiten, die ich dort finde.
Selbstverständlich gibt es auch Produktionen bei Naxos, die sicher
nicht so toll sind, aber im Allgemeinen funktioniert hier alles, so dass
ich bei dieser Firma sehr gut aufgehoben bin.
k.: Wie erklären Sie sich die momentane
Flaute in der Klassik-Branche?
B.G.: Ich glaube,
wir haben das grundlegende Problem, dass im Augenblick alles da ist. Die
Möglichkeiten, in allen Bereichen wirklich Neues zu machen, sind
quasi Null; technisch haben die Tonträger eine Perfektion erreicht,
die kaum mehr zu überbieten ist, und von der musikalischen Seite
gibt es kaum ein Repertoire, das noch nicht eingespielt wurde. Dann bleibt
uns nur noch die Interpretation an sich, wo man etwas verändern kann.
Sehen Sie Glenn Gould, der hat Bach einfach nach seinem Gutdünken
umgestaltet und etwas gemacht, was noch nie da gewesen ist. Darüber
kann und soll man sicherlich diskutieren. Aber Gould wurde dann auch so
vermarktet, als wilder Hund sozusagen, und hätte er plötzlich
Standard- Interpretationen abgeliefert, hätten weder Plattenfirmen
noch Publikum das akzeptiert. Hat man den Namen eines „enfant terrible“,
ist man gezwungen, immer alles anders zu machen. Aber ist das notwendig?
k: Müssen sich Interpretationen nicht auch
weiterentwickeln?
B.G.: Auf jeden
Fall. Was Karajan mit Beethoven vor dreißig Jahren gemacht hat,
ist sicherlich toll und gefällt mir ganz gut, aber wir leben nun
mal in der Gegenwart und müssen Beethoven auch so spielen. Es scheint
mir, als wäre das früher viel selbstverständlicher gewesen.
Vergleicht man die alten Meister der dreißiger und vierziger Jahre
mit denen der nächsten Generation, so merkt man doch, dass sich da
was getan hat. Heute habe ich eher den Eindruck, als sei das den meisten
egal. Man hilft auch keinem, seine Künstlerpersönlichkeit aufzubauen.
Bei den Großen dauerte das auch Jahrzehnte. Heute hat keine Plattenfirma
Interesse daran. Heute muss schnell möglichst viel Geld verdient
werden, der Rest ist unwichtig. Es gibt aber Künstler, die sich gegen
dieses System erfolgreich zur Wehr und auch durchsetzen können.
k.: In wieweit spielt das soziale Umfeld des
Hörers eine Rolle?
B.G.: Es fängt
schon bei den Kindern an. Musik, Klang kann man nur im Zusammenhang mit
Stille begreifen. Heute ist die Reizüberflutung aber so massiv, dass
es fast keine Stille mehr gibt.Unsere Kinder, und ich merke das bei meinen
eigenen, sind dermaßen mit äußerlichen Reizen überfordert,
dass sie ganz zappelig werden und kaum mehr still sitzen können,
und die Erwachsenen kommen bei der rasanten technischen Entwicklung kaum
noch hinterher.
Um dabei zu sein, muss man sich permanent mit neuen Reizen auseinandersetzen.
Für Stille bleibt dann keine Zeit mehr. Und auch nicht für Musik.
Musik wird nur noch als reine Berieselung benutzt. Sich wirklich hinsetzen
und zuhören, die Musik begreifen, das tut doch fast keiner mehr.
k.: Sie spielen auch unter Dirigenten, die wie
Bruno Weil oder Thomas Fey von der historischen Aufführungspraxis
herkommen. Inwieweit gibt es für Sie Unterschiede zwischen historischer
und klassischer Interpretation?
B.G.: Eigentlich
gibt es recht wenige. Mein Spiel ähnelt normalerweise schon sehr
den Charakteristiken der historischen Aufführungspraxis. Diese klare
Phrasierung und die lebendige Artikulation liegen mir seit jeher sehr
am Herzen, so dass ich schon im Normalen nicht sehr weit davon entfernt
bin. Ich versuche in meinem Spiel immer, klar zu artikulieren, aber selbstverständlich
auch, zu singen. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Aber
das Spiel an sich hängt selbstverständlich auch vom Komponisten
ab. Beethoven muss man anders spielen als Mozart. Und früher waren
die Dirigenten viel näher an der historischen Aufführungspraxis
dran, als man heute glaubt. Knappertsbusch war kein Dirigent, der in der
Jauche schwimmen wollte, Richard Strauss war ein unglaublich akkurater
und klarer Dirigent. Und das ist bei den Pianisten ja auch nicht anders.
Erdmann, Schnabel,… sie spielten unwahrscheinlich deutlich.
k.: Deutlichkeit und Gefühle, Klarheit und
Tradition schließen sich also nicht aus?
B.G.: Überhaupt
nicht. Es ist ja das, was die deutsch-österreichische Schule des
19. Jahrhunderts ausmacht. Die Tradition hat sich von Generation zu Generation
weitervererbt. Natürlich kamen gewisse zeitbedingte Geschmäckerlichkeiten
hinzu. Das ist normal. Edwin Fischers Rubato z.B. ist sicherlich übertriebener
Pathos und heute nicht mehr zu ertragen. Das ist eben so. Trotzdem war
er ein großer Pianist, und seine Interpretationen sind Zeugen einer
gewissen Epoche. Oder Dinu Lipatti. Seine Mozart- und Bach-Interpretationen
waren moderner, als die der sechziger und siebziger Jahre.
k.: Und wo setzen Sie bei Ihren Interpretationen
an?
B.G.: Swjastoslaw
Richter hat einmal geantwortet: „Interpretation ist doch, wogegen
ich mich die ganze Zeit wehre.“ Interpretation ist doch Verfälschung.
Ich setze mich als Künstler über den Komponisten. Das darf nicht
sein. Das Resultat wäre aufgesetzt und auf gut Deutsch gesagt, einfach
falsch. Mit der Interpretation kommen wir vom Wesen der Musik weg. Ich
kann natürlich, – vorausgesetzt, ich will –, in jedem
Werk Passagen spielen, wie sie vorher noch niemand gespielt hat. Dann
fall ich auf, aber habe ich dem Komponisten oder dem Werk gedient? Nein.
Ich will nicht interpretieren, ich will, dass die Musik so echt und originär
wie möglich zum Leben erweckt wird. Aber ich kann natürlich
nicht meine eigene Individualität verneinen. Ich muss meine Empfindungen
in den Dienst des Werkes stellen und nicht umgekehrt. Natürlich,
wenn man als Künstler sehr eitel ist, hat man mit dieser Auffassung
sicherlich seine Probleme. Und das betrifft auch die Verantwortung des
Interpreten. Musik existiert nicht auf dem Papier, sie existiert nur in
dem Moment, wo sie gespielt wird. Dann ist sie auch schon wieder weg.
Jede Aufführung ist somit etwas Einzigartiges, etwas Unwiederbringliches.
k.: Wenn es keine Interpretation ist, was bedeutet
dann in dem Zusammenhang eigentlich „zwischen den Noten lesen“?
B.G.: Das muss
man verschieden anschauen. Ich bin überzeugt, es gibt Leute, die
suchen in Leben des Komponisten ein Ereignis und versuchen dann, ihre
Auslegung des Werkes an dieses Ereignis zu binden. Wenn z.B. jemand gestorben
ist, spielt der Interpret dieses Werk oder diese Passage besonders düster,
traurig oder was weiß ich. Oft wird ja so auch die Todesnähe
des Komponisten einer Interpretation vorausgestellt und als allgemein
gültig propagiert. Das sind aber außermusikalische Dinge, und
die gehören nicht in das Spiel. Man kann aber auch davon ausgehen,
dass die Notenschrift unvollkommen ist, das ist sie meistens, und was
uns dann an Spielraum bleibt, muss selbstverständlich ausgefüllt
werden. Aber so, dass das Resultat sich unbedingt mit den Intentionen
des Komponisten deckt. Ich kann nicht in eine Notenschrift hineinschreiben,
wie man artikulieren muss. Oder, welche Stimme ist wichtiger, die erste,
zweite oder dritte. Das kann man unmöglich festlegen. Diese Zusammenhänge
herzustellen, dass es eine innere Logik gibt, das ist für mich „zwischen
den Noten lesen“.
k.: Wirkt sich die Stimmung des Publikums auf
ein Konzert aus?
B.G.:Auf jeden
Fall. Nur, man darf nicht zu sehr darauf reagieren, besonders wenn das
Publikum unruhig ist und hustet, denn sonst kommt man aus dem Konzept.
So kann ein ganz normaler Schnupfen, den ein Zuhörer hat, dazu führen,
dass ich mich frage: „Mein Gott, spielst du heute wirklich so langweilig?“
Das ist eine Gefahr, das kann den Puls schon hochtreiben. So erging es
mir einmal anlässlich eines Konzerts in Italien, wo ich im zweiten
Teil die recht schwierige 6. Sonate von Skrjabin spielte. Und nach etwa
zwei Dritteln des Stückes hat plötzlich ein Mann so richtig
laut gebrüllt: „Silentio!“ Und ich hab gedacht, um Himmelswillen,
was hab ich denn Furchtbares getan, dass er sich so erbost und mich sogar
zur Ruhe schreit. Ich bin furchtbar nervös geworden und wollte noch
spannungsvoller spielen und mich noch mehr anstrengen. Und nach dem Konzert
hat man mir erzählt, dass neben dem Mann ein Kind gesessen hatte,
das plötzlich unruhig geworden war und das der Vater dann angeschrieen
hatte. Insofern hat das Publikum schon eine gewisse Macht… Aber
wenn ich merke, dass das Publikum den Atem anhält und Stille im Saal
ist, dann weiß ich, dass ich einen guten Tag habe.
k.: Auf CD sind Sie ja vorwiegend mit einem russischen
Repertoire vertreten. Was sind darüber hinaus die anderen Vorlieben
von Bernd Glemser?
B.G.: Ich bin
bei einem russischen Pädagogen ausgebildet worden und logischerweise
standen dann auch die russischen Komponisten an erster Stelle. Dass ich
bei Naxos jetzt auch hauptsächlich das russische Repertoire einspiele,
ist mehr oder minder ein Zufall. Aber ich spiele Mozart, Beethoven und
Schubert genau so gerne, und bei meinen Auftritten hält sich das
die Waage. An sich kann man sagen, dass ich ein Drittel klassisches Repertoire,
ein Drittel russisch-romantisches Repertoire und ein Drittel nicht-russisch-romantisches
Repertoire spiele.
k.: Und Liedbegleitung?
B.G.: Eigentlich
sehr, sehr wenig. Ich habe wirklich keine Zeit dafür. Liedbegleitung
ist unwahrscheinlich interessant, und man lernt auch sehr viel dabei,
aber gute Liedbegleitung ist ungemein zeitintensiv. Man muss sehr viel
proben und somit auch sehr viel reisen. Ich finde, dass ich aber schon
genug reise und möchte auch noch Zeit für meine Frau und meine
Kinder haben.
k.: Gibt es Komponisten, die Sie überhaupt
nicht spielen oder zu denen Sie keinen Zugang finden? Wie stehen Sie zur
zeitgenössischen Musik?
B.G.: Sagen
wir es einmal so: In der Geschichte der Musik hat es immer Zeiten des
Suchens und Zeiten des Findens gegeben. Bach war eine Zeit des Findens,
die Komponisten, die kurz danach kamen, wie die Mannheimer Schule, waren
eher eine Zeit des Suchens. Auch zwischen Mozart und Beethoven gab es
eine Zeit des Suchens. Diese Perioden waren ungemein wichtig, inspirieren
mich persönlich aber nicht so. Und diesen Wechsel hat es bis heute
immer gegeben. Ich will es mal so ausdrücken: die zweite Hälfte
des 20. Jahrhunderts wird doch eher als eine Zeit des Suchens in die Geschichte
eingehen … (lacht).
Die beiden Gespräche führte Alain Steffen anlässlich des
Konzerts der Heidelberger Sinfoniker beim Echternacher Festival (Luxenbourg).
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